Hauptsache »The show goes on«!?

Gleich wenn wir uns morgens anziehen, nehmen wir aus unserem virtuellen Maskenschrank eine Reihe von Gesichtern mit auf den Weg. Im Treppenhaus sind wir der freundliche Mieter, unterwegs der Autofahrer, der immer und gerecht auf die richtige Vorfahrt achtet, auf der Arbeit sind wir der zuverlässige Mitarbeiter, der immer Bescheid weiß, und am Abend sind wir vertrauenswürdiger Lebenspartner und Ratgeber in allen Lebensfragen. Sonntags sind wir der fromme Christ und der gelehrte Prediger, nach der Kirche der allerorts beliebte Freizeitmensch.

Wir haben gelernt, uns an die Erwartungen unserer Umgebung anzupassen und würdevoll die Maske zu tragen, wie es sich in der jeweiligen Lebenssituation geziemt. Wir zeigen von uns nur das, was auch salonfähig ist. Wir stellen uns möglichst sympathisch dar und spielen die Show unseres Lebens. Wir zeigen das, was die Menschen von uns sehen wollen. Dabei arbeiten wir mühevoll und akribisch an unserer äußeren Fassade und füllen die Rollen, die man uns zugedacht hat, möglichst realistisch aus. Hauptsache, niemand merkt etwas davon!

Aber da gibt es noch die andere Seite von uns, die wir nicht so gerne zeigen, unsere Schattenseite. Sie gehört auch zu uns. Unsere Schwachheit, unser Versagen, unsere Wut und unser Zorn, unsere Ungeduld und unsere Ausweglosigkeit. Diese Seite möchte niemand sehen, und wir wollen sie auch niemanden zeigen. Wir decken sie lieber zu, wollen sie selbst für uns gar nicht akzeptieren.

Doch manchmal durchbricht die andere Seite unserer Showdarstellung die Maske, hin und wieder ist die Diskrepanz zu groß, und wir halten den Druck schier nicht mehr aus. Wer bin ich eigentlich wirklich? Der Spiegel zeigt mir nur das Showgesicht, aber mein Gefühl sagt mir etwas anderes. Bin ich überhaupt noch authentisch? Innerlich zerbricht mein Herz, aber mein Make-up hält noch! Ist mein Leben eine einzige Showbühne? Kann man überhaupt noch ohne Maske leben oder sich sehen lassen? Kommt es nur noch darauf an, dass die Show weiter geht, egal ob es mir persönlich schadet? Darf ich noch so sein, wie ich wirklich bin? Welche Rollen begegnen uns am häufigsten? Welche davon sind wir selbst ein bisschen?

  • Der Supermann, der alles kann und überhaupt keine Fehler macht?
  • Die zerbrechliche Mimose, die sich nichts zutraut und die alles aus der Bahn wirft?
  • Der Anbiederer, der jedem nach dem Mund redet, um sympathisch zu wirken?
  • Der Gebeugte, der jedem von seinem schweren Los erzählt und alles hinnimmt?
  • Der Anspitzer, der versucht, mit seiner Klugheit andere in die Falle zu locken?
  • Der Vergewisserer, der sich jede Aussage auf Richtigkeit bestätigen lässt?
  • Der Geizhals, der nichts von seiner Erkenntnis und seiner Habe herausgibt?
  • Der Mutlose, der überall nur hohe unbezwingbare Berge sieht?
  • Das Trösterchen, das keine Gelegenheit auslässt, sich Trost abzuholen?
  • Der Eingebildete, der über allem steht und dem nichts etwas anhaben kann?
  • ... (beliebig fortsetzbar!)

Fasching und Halloween lehren uns, dass man sich mit einer Maske einfach mehr traut. Einmal das tun, was man schon immer machen wollte, geht oft nur maskiert. Wir benutzen dabei die Maske als Schutz. Unmaskiert würden uns Andere auslachen oder kritisieren. Die eigene Glaubwürdigkeit würde darunter leiden. Erkannt und durchschaut zu werden, ist für Menschen wohl das Schlimmste. Deshalb der Versuch, die Tarnung immer weiter
zu verbessern. Deshalb vermeidet man auch Orte, wo man glaubt, durchschaut zu werden. Die Show muss weitergehen!

Und Gott befahl eines Tages Samuel nach Bethlehem zu gehen und dort zu einem Mann namens Isai. Unter dessen Söhnen hatte Gott sich einen neuen König erwählt. Als der Prophet nun nach Bethlehem kam, erschraken die Ältesten, denn es war nicht immer etwas Gutes, wenn ein Prophet in eine Stadt kam. Meist war es mit einer Strafandrohung verbunden.

Aber Samuel konnte sie beruhigen und lud alle zu einem Opferfest ein. Es kam auch Isai mit seinen Söhnen. Und als Eliab, einer der Söhne Isais, vor Samuel stand, da dachte dieser bei sich, ja wahrlich, das muss der Gesalbte Gottes sein. Aber Gott berichtigte ihn: Du darfst nicht nur auf das Aussehen und die Körpergröße sehen."Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an."" (1Sam 16,7)

Wir wissen, dass es dann zuletzt der einfache Hirtenjunge David war, den Gott zum König auserwählt hatte. Dieser hatte als Hirte den Mut, im Vertrauen auf Gott sich zum Schutz seiner Schafe ungeachtet des eigenen Lebens auf den Kampf mit wilden Tieren einzulassen. Gott ist es also, der den Menschen durchschaut! Keine Maske ist zur Tarnung geeignet. Ist das nicht schrecklich? Ja, manchmal versuchen wir es schon selbst vor Gott mit einer frommen Maske hinzutreten. Ach lieber Gott, heute konnte ich wirklich nichts für dich tun, diese Hitze und die vielen Geschäfts- und Arzttermine, das wirst du doch verstehen, dass ich nun keine Zeit für die Chorstunde, einen Besuch oder ein Telefonat usw. hatte. Und dann erkennen wir uns in unserer Lächerlichkeit und reißen uns die Maske herunter und sagen: Lieber Gott, du weist, heute hatte ich einfach keine Lust, etwas für dich zu tun! Verzeih mir bitte.

Ein Glück, dass Gott weiß, dass Menschen sich gern verstecken. Schon im Paradies glaubten Adam und Eva, hinter ihrer Laubmaske unerkannt zu bleiben. Aber Gott rief sie in aller Liebe und fragte nach dem Grund ihres Versteckspiels. Sie schämten sich ihrer Nacktheit vor Gott! Vor Gott müssen wir uns nicht maskieren. Er lacht nicht über unsere Schwächen und unser Versagen. Wir dürfen unsere Rollen aufgeben und vor ihm identisch und echt bleiben. Möchten wir als Christen nicht auch anderen Mitmenschen erlauben, in unserer Gegenwart aufzuhören mit der Schauspielerei und wahrhaftiger zu werden? Wollen wir sie in ihrer Schwachheit und mit ihren Fehlern nicht einfach ernst nehmen und nicht auslachen und sie damit wieder zu einem Stück eigener Identität ermutigen? Sollten wir nicht Vertrauen schaffen, indem wir ihr Versagen verstehen und verzeihen und nicht an die große Glocke hängen? Dann könnten wir alle wieder lernen, mit unserer Schattenseite besser umzugehen, und weniger Herzen würden hinter einer noblen Fassade zerbrechen.

Erlauben wir, dass Menschen uns nicht anlächeln müssen, wenn in ihrem Herzen große Traurigkeit herrscht. Gestatten wir, dass Menschen von ihrem Zweifel und ihrer Ohnmacht erzählen, dann könnte ihnen geholfen werden. Schaffen wir doch wenigsten in unserer Umgebung eine maskenfreie Zone. Verbesserung wird nur dort möglich sein, wo nicht alles zugedeckt werden muss.

Bernd Scherbauer

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