Brücken

Manchmal bestehen sie nur aus einem einfachen Stück Holz, welches zwei Uferseiten eines Bachlaufes überspannt, manchmal stellen allein ihre Trägerpfeiler den Eifelturm in den Schatten und erschlagen in ihrer Größe. »Brücken« - jeder hat seine eigenen Vorstellungen und Bilder im Kopf, wenn wir sie uns vorstellen sollen.

Ersparen wir uns an dieser Stelle eine Aufzählung über Brückenarten, über die verschiedenen Materialien und Bautechniken. Nehmen wir lieber unsere eigensten Erfahrungen mit Brücken zur Hilfe, denn über die vielfachen Arten und Formen von Brücken hinaus beginnt hier eine ganz andere Reise von Gedanken über ihren Gehalt und ihre Bedeutung. Brücken verbinden - solche Weisheiten sind wohl bekannt und sie beherbergen in der Tat eine wichtige Aussage, denn Brücken wurden nicht einfach so zum Spaß erbaut. Sie tragen eine Bedeutung, einen bestimmten Zweck in sich.

Wer sich auf ihnen bewegt, befindet sich auf einer Reise und benutzt sie, um sein Ziel zu erreichen. Also ist eine Brücke gewiss nicht eine Endstation, auf der man für immer verweilen möchte, auch wenn die Aussicht darauf noch so schön sein sollte. Die Brücke ist eher ein Bestandteil eines noch nicht vollendeten Wegs, womöglich ein Hilfsmittel, das angestrebte Ziel überhaupt erreichen zu können.

Beziehen wir an dieser Stelle die genannten Gedanken auf die biblischen Überlieferungen, welchen Sinn und Zweck Jesus für uns Menschen erfüllte und noch erfüllt, so wird allmählich klar, dass eine Brücke ein mächtiges Symbol in unserem Glauben darstellen kann: Jesus als Brücke, auf der letztendlich der Mensch zu Gott gelangt. Auch diese Metapher ist bekannt und sie stellt gewiss einer der wichtigsten Aussagen für uns Menschen dar.

Doch mit dieser Aussage bleiben die Gedanken über Brücken nicht stehen. Sie reichen noch weiter in unser Leben hinein. Setzten wir uns dafür weiter mit dem Sinn einer »üblichen« Brücke auseinander und lassen dabei jedoch den Bezug und die Bedeutung für unseren Glauben nicht außer Acht.

Wann erfüllt eine Brücke überhaupt einen Sinn? Wäre es nicht ein furchtbarer Gedanke für den Erbauer, wenn seine Brücke nicht benutzt würde? Eine Brücke macht also nur Sinn, wenn ein Mensch ihrer tatsächlich bedarf und bereit ist, sie zu beschreiten. Wenn das Ziel einem Menschen selbst das Wichtigste ist, so wird er nicht danach fragen, ob auf seinem Weg eine einfache Brücke aus Holz zu überqueren ist oder ein prächtiger Viadukt mit etlichen Rundbögen und Verzierungen.

Auf der anderen Seite muss eine Brücke aber auch Vertrauen schaffen, Vertrauen auf ihre Stabilität und in den, der sie erbaut hat. Wie schnell würde das Vertrauen sinken, wenn wir auf einer Brücke stehen, die zu wackeln anfängt, denn eine Brücke erstreckt sich bekannter Weise oft über große Höhen oder gefährliche Gewässer. Vielleicht gewöhnt man sich auch daran, dass es hier und da auf der Brücke zu wackeln anfängt - doch halten muss sie, sonst wäre alles dahin und der Weg bis hier her sinnlos gewesen. Und so kommen wir unumgänglich zu der sehr unangenehmen, schwierigen aber dennoch entscheidenden Frage:

»Was ist, wenn eine Brücke bricht?«

Bisher haben wir von den Brücken vieles über unser Leben als Christen erfahren: Wir haben ein wichtiges Ziel in unserem Leben - nämlich Gott nahe zu sein und dies über den Tod hinaus. Auch Gott liegt dies am Herzen. Für dieses sehr wertvolle Ziel sind wir bereit, in unserem Leben Wege und Hürden zu nehmen, die gewiss recht unangenehm und schwer zu bewältigen sind. Dazu gehört auch der tiefe Abgrund unseres eigenen Versagens, über den Jesus für uns seine Brücke gebaut hat. Auch diese Brücke ist nicht immer leicht zu gehen, da wir sie erst beschreiten können, wenn wir über uns selbst im Klaren sind und zu unseren Fehlern stehen, die wir zu verantworten haben.

All dies ist uns gewiss nicht fremd, doch im Stillen begleitet uns auch die immer wiederkehrende Hoffnung darauf, dass alle Brücken halten, die wir in unserem Leben beschreiten, auch wenn sie noch so wackelig erscheinen und schwierig zu gehen sind, im Vertrauen darauf, dass Gott uns nicht einstürzen lässt. Und gerade darin scheitern wir Menschen immer wieder, denn die Erfahrung zeigt uns, dass Brücken unseres Lebens immer wieder einstürzen, manchmal sogar dadurch unser Leben fordern.

Was ist passiert, wenn schwere Krankheiten über unser Leben hereinbrechen, ein geliebter Mensch neben uns stirbt oder schier greifbare Chancen in unserem Leben sich plötzlich in Luft auflösen? Hat Gott uns verlassen? Was wäre das für ein Mensch, der sich nicht darum Gedanken machen würde, und wäre es nur die Frage nach dem Sinn des Ganzen? Doch wir bedürfen auch einer Antwort. Hilfe bei der Suche danach kann uns wiederum das Thema Brücken geben. Wenn eine Brücke unseres Lebens einstürzt, so müssen wir danach fragen, wer diese Brücke gebaut hat und nicht gleich Gott selbst die Verantwortung in die Schuhe schieben, abgesehen davon, dass so manche Brücken auch sinnvoller Weise einbrechen, auf dass eine falscher Weg sich versperrt, der noch schlimmeres mit sich führen würde.

Haben wir uns darauf verlassen, an allen lebensbedrohenden Krankheiten vorbeigehen zu können, immer Arbeit zu haben oder keine schwere Not langfristig erleiden zu müssen? Machen wir uns nichts vor - es ist menschlich, sich nach einem unbeschwerten Leben zu sehnen und gerne beschreiten wir Brücken, die über diese Beschwernisse führen. Doch diese Brücken sind nicht grundsätzlich von Gott für uns errichtetet worden und gründen oft auf unseren eigenen Vorstellungen und Erwartungen. So kann das Leben selbst sie einstürzen lassen, und wir werden uns enttäuscht fühlen und anzweifeln, woran wir doch so lange festhalten wollten.

Es ist schwer, sich einzugestehen, dass Gott nicht für uns Christen Brücken errichtet hat, die über das Leid der Welt hinwegführen. Vielmehr fängt seine Brücke uns dort auf, wo unsere eigenen Brücken einstürzen, dort, wo kein Mensch mehr uns begleiten kann. Es die Brücke, die uns unweigerlich zu Gott selbst führt, die Brücke, auf der uns Gott selbst begleiten wird. Ob wir gesund oder krank sind, ob wir wohlhabend oder arm sind oder bereits im Sterben liegen - eines ist gewiss: Jesus Christus - Diese Brücke wird halten!

Markus Martin Grimm

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