Unsere Ursprünge - unser Weg 10 - Die Botschaft Teil 1

Im letzten Beitrag über den Reformiert-Apostolischen Gemeindebund tauchte ein Name bereits auf, der für die weitere Entwicklung der Neuapostolischen Kirche und damit die Gründung unserer eigenen Gemeinschaft im Jahr 1955 von großer Bedeutung ist: Johann Gottfried Bischoff.

Aufgrund des Kriegsausganges des 1. Weltkrieges und der zunehmend schwärmerischen Art von Stammapostel Niehaus kam es zu einer Entfremdung zwischen dem ursprünglich vorgesehenen Nachfolger Carl August Brückner und Hermann Niehaus. Brückner, den man kurz als „liberal-prostestantisch“ charakterisieren könnte, äußerte offen Kritik an manchen Zuständen in der Kirche und wurde zum Sprachrohr etlicher Unzufriedener auch aus dem Bezirk von J.G. Bischoff. Dieser selbst unterstützte damals Brückners Sicht, vermied es aber diese offen kund zu tun. Er kann von seinem Wesen im Gegensatz zum „charismatisch-schwärmerischen“ Niehaus und „liberal-prostestantischen“ Brückner eher als „orthodox-katholischer“ Vertreter charakterisiert werden. Daher rückte Bischoff statt Brückner als Nachfolger des Stammapostels auf. Johann Gottfried Bischoff wurde vom Stammapostel am 10. Oktober 1920 in Bielefeld zum Stammapostelhelfer und damit Stellvertreter des Stammapostels ordiniert. Etwa ein halbes Jahr nach dieser Ordination kam es zur Spaltung zwischen Niehaus und Brückner und zur Gründung Reformiert-apostolischer Gemeinden.

Die Apostelbezirke arbeiteten zu dieser Zeit noch recht autark und das Stammapostelamt wurde – zwar mit zunehmender Tendenz – weniger als Leitungsamt sondern als kollegiales Amt verstanden, wie es der apostolischen Tradition seit den englischen Aposteln ent-sprach. Zu dieser Zeit gab es auch noch nicht so sehr viele Apostelbezirke und Niehaus selber leitete als Stamm- und Bezirksapostel das große Gebiet Rheinland und Westfalen selbst.

Am 14. Dezember 1924 wurde Bischoff zum Stammapostelnachfolger ernannt und übernahm das Stammapostelamt 1930 nach der Dienstunfähigkeit von Niehaus. Im Jahr 1925 betrug die Mitgliederzahl der NAK in Deutschland 138.000 Personen. 1928 gab es 10 deutsche Bezirksapostel und nur drei Hilfsapostel, im Ausland wirkten sechs weitere Apostel mit 2 Hilfsaposteln. Außerdem gab es noch Apostel, die nicht im Kollegium der NAK zusammen geschlossen waren, jedoch auch als Apostel anerkannt wurden, aber eigene Wege gingen.

„Im Jahre 1928 wurde auf Veranlassung des Herrn J.G. Bischoff in Frankfurt a.M. eine Hausdruckerei der Vereinigten Neuapostolischen Gemeinden Süd- und Mitteldeutschlands e.V. errichtet. In dieser Hausdruckerei liess Herr J.G. Bischoff die von ihm herausgegebenen Zeitschriften (im Wesentlichen die „Wächterstimme aus Zion“ und „Amtsblatt“, Anm. d. Verf.) drucken und verlegen.“ Der Sohn des neuen Stammapostels, Friedrich Bischoff, übernahm, 19jährig, im Jahre 1928 von Niehaus die Leitung der Hausdruckerei. Da der Kirche jedoch der Vorwurf gemacht wurde, einen Regiebetrieb zu unterhalten, veranlasste die Kirchenleitung 1932, die Druckerei aufzugeben. Friedrich Bischoff erwarb die Einrichtungen, mietete die Räumlichkeiten und machte sich damit am 1. Juli 1932 selbstständig, am 15. Juni 1937 wird die Druckerei ins Handelsregister eingetragen. Seitdem tragen Druckerei und Verlag seinen Namen. Ihm wurde die Auflage gemacht, die Bezugspreise zu reduzieren. Von 1935 bis 1956 war Gottfried Rockenfelder verantwortlicher Redakteur der Zeitschriften „Wächterstimme“, „Amtsblatt“ und „Der Jugendfreund“.
Die Stellung des Stammapostels wurde nach der Übernahme des Amtes durch Bischoff immer mehr überhöht. Was auch durch die, in Familienhand befindliche, neuapostolische Presse unterstützt wurde. Auch im Lehrbuch „Fragen & Antworten“ wurde der Stammapostel als „Repräsentant des Herrn auf der Erde“ bezeichnet. Das waren zunächst noch eher theologische Begründungen.

Andererseits galt diese Überhöhung auch den anderen Aposteln. Bischof Otto spricht im Neujahrsgottesdienst 1939 in Düsseldorf: „Der liebe Apostel Kuhlen, der uns vom Herrn gegeben ist.“ Hier ist offensichtlich eine direkte Sendung der Apostel durch Jesus noch im Glaubensleben verankert. Apostel Kuhlen schreibt dazu in Aufzeichnungen: „Je älter Stammapostel Bischoff wurde, je mehr geriet er unter unguten Einfluss aus seiner nächsten Umgebung; und außerdem lehrte er immer krasser die Irrlehre, dass allein der Stammapostel von Jesu gesandt sei und die Apostel nur des Stammapostels Gehilfen wären, dass er allein die rechte Lehre verkünde und die anderen Apostel so lehren müssten wie er.“

Nun folgte die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland. Das staatliche „Führerprinzip“ wurde auch von J.G. Bischoff sehr gerne übernommen und immer stärker auf die Kirche übertragen. Eine Distanz zum Regime lässt Bischoff nicht erkennen. Auch fast alle deutschen Apostel waren nationalsozialistisch eingestellt bzw. waren Mitglied in der NSDAP (13 Apostel, davon 10 Bezirksapostel traten der Partei bei). 1933 schreibt Apostel Landgraf für das Apostelkollegium eine dreiseitige Schrift „Die Neuapostolische Kirche im Dritten Reich“. Apostel Kuhlen trat kurz vor seiner Bischofsordination am 1. Mai 1933 in die Partei ein. Es gibt jedoch keine Hinweise darauf, auch in seiner Personalakte nicht, dass Peter Kuhlen ein überzeugter Nazi war. Die erst deutlich nach dem Krieg ordinierten Apostel Rockenfelder, Hahn, Tiedt, Friedrich Bischoff, Wilhelm Schmidt, Herrmann, Gurtner, Köhler, Volz und Knobloch sind alle schon sehr früh, ohne hohe Ämter in der Kirche gehabt zu haben, Parteimitglieder gewesen. Daraus lässt sich schließen, dass sie der Ideologie auch nahestanden.

Die Kirche passte sich den neuen Machtverhältnissen an und entging einem Verbot, die Kirchenschriften wurden zensiert. So wurde im Namen der Kirchenzeitschrift „Wächterstimme“ der Zusatz „aus Zion“ 1935 gestrichen. In einem Rundschreiben an die Amtsträger vom 25. April 1933 heißt es, dass es bei Eintrittsgesuchen von Mitgliedern aufge-löster staatsfeindlicher und freidenkerischer Organisationen in Zweifelsfällen gut sein werde, „die Personalien solcher Personen der zuständigen Ortsgruppe der NSDAP zur Nachprüfung vorzulegen“ und ihre Aufnahme erst nach dem Vorliegen einer Unbedenklichkeitserklärung der NSDAP zu vollziehen. Durch den Krieg kam es zur Entfremdung und gewissen Unabhängigkeit der ausländischen neuapostolischen Gemeinden und deren Leiter, was sich unmittelbar nach dem Krieg in Auseinandersetzungen insbesondere in den Niederlanden und im Saarland – zum Teil auch in der Schweiz - bemerkbar machte. Auch begünstigten offenbar die politischen Entwicklungen eine Verschiebung in der Auf-fassung des Apostel- und Stammapostelamtes in weiten Teilen Deutschlands hin zu einem autokratischeren Stil, wohl deutlich weniger im Ausland.

Am 31. März 1935 wurde Peter Kuhlen in der 1926 erbauten Kirche Düsseldorf-Flingern, Krahestraße zum Apostel und Helfer des Apostels Dach, seines Schwiegervaters, eingesetzt. Dieser ging am 6. November 1938 in den Ruhestand und Kuhlen wurde Bezirksapostel.

Während der Nazi-Diktatur konnte die Neuapostolische Kirche im Gegensatz zu anderen kleineren Glaubensgemeinschaften, die verfolgt oder verboten wurden, einen deutlichen Mitgliederzuwachs um etwa 65.000 Mitglieder (ca. +25%) verbuchen.

Bereits 1939 unterbreitete Apostel Ernst Güttinger aus der Schweiz dem Stammapostel schriftlich die Nachfolgefrage. Bis dahin hatte er ein unproblematisches, ja herzliches Verhältnis zum Stammapostel. Dann hat Apostel Landgraf 1940 oder 1941, also noch während des Krieges, dem Stammapostel die Bestimmung eines Nachfolgers nahegelegt. Bischoff schrieb daraufhin nur an die deutschen Apostel, sie sollten ihm einen Kandidaten nennen. Es kamen drei Kandidaten mit je vier Nennungen (Landgraf, Schall, Kuhlen) dabei heraus.

Am Ende des Krieges gab es in der NAK 20 Apostel. Alle Apostel waren langjährige Wegbegleiter des Stammapostels, unter denen Peter Kuhlen der dienstjüngste war. 1944 hatte er neben dem Apostelbezirk Rheinland auch noch den Apostelbezirk Westfalen nach dem plötzlichen Tod von Herrmann Schüring übernommen. Er muss beim Stammapostel in großem Ansehen gestanden haben, dass dieser ihm zwei besonders mitgliederstarke Apostelbezirke anvertraute. Kuhlen förderte insbe-sondere Walter Schmidt, der auf seinen Rat hin am 29. September 1946 zum Apostel ordiniert wurde und der dann am 19. September 1948, nach der Stammapostelwahl Kuhlens, den Apostelbezirk Westfalen als Bezirksapostel übernahm.

Im Sommer und Herbst 1947 erörterten die europäischen Apostel aufgrund des fortgeschrittenen Alters des Stammapostels die Nachfolgefrage erneut zunächst intern bzw. suchten eine Abstimmung untereinander um – im Gegensatz zu 1939 – zu einer einstimmigen Lösung zu kommen. Im Oktober 1947 beschloss man, ein von allen Aposteln unterschriebenes Schreiben bezüglich der Nachfolge an den Stammapostel zu richten. Das Schreiben vom November 1947 wurde dann von den 14 Aposteln unterschrieben, die Endfassung hatte Apostel Kuhlen erstellt. Es fehlten der niederländische Apostel Paasmann und der Schweizer Schneider. Ein zweiter Brief mit dem Namensvorschlag Kuhlens wurde von allen 15 Aposteln (außer Kuhlen selbst) unterschrieben. Es herrschte also komplette Einstimmigkeit und Einheit im Apostelkreis!

Apostel Schall übernahm es wegen der Überempfindlichkeit und Kenntnis der Mentalität des Stammapostels, diesen im Einzelgespräch über die Meinungsbildung des Apostelkollegiums zu informieren. Bei dieser Unterredung muss Bischoff sehr ungehalten und erregt gewesen sein und anschliessend schrieb er einen erzürnten Brief an die anderen Apostel. Man kam in mehreren Gesprächen überein, einzeln dem Stammapostel zu antworten. Apostel Schmidt und Kuhlen sind getrennt persönlich zur Unterredung nach Frankfurt gefahren. Danach schienen die Wogen geglättet und es wurde eine erste reguläre Apostelversammlung nach dem Krieg für den 21. Mai 1948 nach Frankfurt einberufen.

Es kam auf ausdrücklichen Wunsch bzw. Anordnung des Stammapostels zur Nachfolgerwahl. Mehrere Apostel inklusive Kuhlen hatten Bischoff noch eindringlich gebeten, selbst einen Nachfolger vorzuschlagen, dieser bestand jedoch auf einer geheimen Wahl mit Stimmzetteln durch die Apostel. Bei dieser entfielen dann im 1. Wahlgang neun Stimmen auf Peter Kuhlen, drei Stimmen auf Georg Schall und zwei Stimmen auf Arthur Landgraf. Schall und Landgraf erklärten ihren Verzicht und in einem 2. Wahlgang wurde dann Bezirksapostel Peter Kuhlen einstimmig als Nachfolger für J.G. Bischoff gewählt. Den überseeischen Aposteln wurde von der stattgefundenen Wahl Kenntnis gegeben und alle gaben ihre schriftliche Zustimmung zur Einsetzung. Zu dieser Zeit gab es 24 Apostel in der NAK, die alle in dieser Frage einstimmig waren. Auch gibt es aus dieser Zeit keine schriftlichen Zeugnisse, dass der Stammapostel selbst gegen das Wahlergebnis zu diesem Zeitpunkt Einwände hatte.

Am 1. August 1948 wurde Peter Kuhlen in der Bielefelder Oetkerhalle in einem festlichen Gottesdienst ausdrücklich im Namen des dreieinigen Gottes und im Auftrages des Apostelkollegiums zum Stammapostel ordiniert. Gemäß dem Protokoll der Apostelversammlung am gleichen Tag mit 13 anwesenden deutschen und Schweizer Aposteln, wird die Ordination nochmals ausdrücklich bestätigt. Außerdem wurde laut diesem Protokoll der Apostel Ernst Güttinger explizit beauftragt, Apostel Kamphuis als Apostel für die Niederlande einzusetzen. Dieser sollte – wohl wegen des noch sehr angespannten Verhältnisses der Niederlande zu Deutschland - dem Bezirksapostel der Schweiz unterstehen und auf dessen Anweisungen handeln. Unter Punkt 4 wurde über die Wiederzulassung von Weissagungen in den Gottesdiensten, wie bis zur Nazi-Diktatur üblich, beraten, dies aber als verfrüht zurückgestellt. Damit stellten sich die deutschen Apostel ausdrücklich den charismatischen Elementen, die einige Jahre später die „Botschaft“ in Gottesdienstaussagen stützten, entgegen. Außerdem wurde unter Punkt 9 der Tagesordnung ein Entwurf für eine neue Satzung des Apostelkollegiums von Apostel Kuhlen mit einem Gegenentwurf von Apostel E. Güttinger abgehandelt, die die Apostel beide prüfen und dem Stammapostelhelfer Kuhlen dann ihre Stellungnahmen schriftlich mitteilen sollten.

Die Ordination Kuhlens als Stammapostel wird in einem Rundschreiben vom 4. August 1948 von J.G. Bischoff persönlich als „hochwichtiger Vorgang“ bezeichnet und soll den Gemeinden an zwei aufeinanderfolgenden Sonntagen vorgelesen werden. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine anderen Publikationen, in der über die Wahl und Ordination hätte berichtet werden können. Er geht darin ausführlich auf die Nachfolgebestimmung seiner Person durch Stammapostel Niehaus ein und erwähnt, dass es sich bei der Einsetzung Kuhlens um den gleichen Akt gehandelt habe. Diese Aussagen stehen in deutlichem Widerspruch zu den späteren Äußerungen, er wäre von den Apostel quasi gezwungen worden, Kuhlen einzusetzen und es hätte weder seinem, noch göttlichem Willen entsprochen. Allein die Tatsache, dass die Ordination durchgeführt worden war und wie sie den Gemeinden verkündet wurde, war für die Mitglieder und deren neuapostolische Gedankenwelt ein Akt „göttlichen Geschehens“.

In späteren Jahren wurde außerdem behauptet, dass ein „demokratisch gewählter“ Nachfolger keine „göttliche Legitimation“ besäße. Nach § 6 der Apostelstatuten von 1922 konnte der Stammapostel seinen Nachfolger nicht ohne Zustimmung (=Wahl) der Apostel einsetzen. Niehaus hat es genauso auch bei der Einsetzung Bischoffs gehalten. Außerdem ist laut dem eigenhändig unterschriebenen Lebenslauf von J.G. Bischoff vom 2. August 1933 auch er selbst von den Aposteln gewählt worden. Die Anzweifelung der rechtmäßigen Nachfolge Kuhlens und deren spätere Diskreditierung mit dem Argument der „demokratischen, also ungöttlichen Wahl“ wäre also auf J.G. Bischoff selbst anzuwenden.

In der Folge kam es 1950 zu einer neuen Satzung des Apostelkollegiums, die einstimmig von allen Aposteln und dem Stammapostel beschlossen wurde und grundlegende Reformen enthielt: so wurde die Amtszeit des Stammapostels begrenzt und die Macht des kollektiven Apostelkollegiums gegenüber dem Stammapostelamt gestärkt. Die von der Familie Bischoff dominierte kirchliche Presse versuchte noch im Jahr 1949 – also vor Inkrafttreten dieser Statuten - mit stammapostel-stärkenden Artikeln Stimmung gegen diese Änderungen zu machen, es gelang ihr aber nicht.
Dem Stammapostelhelfer Kuhlen wurde allseits organisatorisches Talent bescheinigt, wenn dieses auch teilweise mit der auf Eigenständigkeit ausgerichteten Vorgehensweise anderer Bezirksapostel kollidierte.

Im Februar 1950 erhält der Stammapostelhelfer den Auftrag der Apostelversammlung die Glaubensartikel einer Prüfung zu unterziehen, die präsentierten Änderungen werden am 3. Juli 1950 noch zurückgestellt und dann wird die Aufgabe vom Stammapostel seinem Sohn, zu diesem Zeitpunkt noch Bezirksältester, übertragen. Das muss ein Affront für alle Apostel, insbesondere aber den Helfer Kuhlen, gewesen sein, dass über die wichtigsten Lehrfragen, und dazu zählen die Glaubensartikel wohl sicherlich, nicht das Apostelkollegium, sondern ein deutlich rangniedrigerer Ältester entscheiden sollte. Das Gleiche passierte dann nochmals bei der Überarbeitung des Lehrbuches „Fragen & Antworten“. Die von Friedrich Bischoff vorgelegten und 1951 dann verabschiedeten Versionen sowohl der Glaubensartikel wie auch des Lehrbuchs waren eine deutlich gegenüber den Versionen von 1908, 1912 und 1938 verschärfte und exklusivere Aussage.

Es scheint, dass das neue Modell der Kirchenleitung, insbesondere vom Sohn des Stammapostels, nicht gutgeheißen worden ist, denn aus dessen Verlag kamen im Vorfeld und auch im Jahr 1950 immer wieder „Querschüsse“.In der Presse wurde mehrfach erwähnt, dass der Stammapostel das Haupt wäre und die Apostel die Reben, was eine Verdrehung der biblischen Aussagen Jesu darstellte, der sich selbst als den Weinstock bezeichnete und die Apostel inklusive des „Felsenapostels“ Petrus als die Reben. Nur die Einigkeit und das Einssein mit dem Stammapostel mache „echte Apostel“ aus etc. Erstmals nach der Nachfolgerordination tauchten auch Aussagen auf, die die Wahl im nachhinein als menschlich und ungöttlich brandmarkten und sogar eine Loslösung vom Stammapostel zum Thema hatten. Apostel Kuhlen schreibt dazu in seinen Aufzeichnungen: „Es wurde dem Volke Gottes nicht mehr wie früher gepredigt, sie möchten ihrem Apostel vertrauen, sondern sie sollten auf ihren Apostel achthaben, ob er auch ja in allen Dingen glaubte, liebte, hoffte und lehrte wie der Stammapostel.“ Nach dem Beschluss der neuen, für den Stammapostel und seinen Sohn, unbequemen Satzung wurden deshalb von ihnen zahlreiche neue Apostel ordiniert. Zunächst fünf Apostel im Jahr 1950, darunter Gottfried Rockenfelder und Friedrich Hahn, die zum Freundeskreis von Friedrich Bischoff gezählt werden dürfen und Herbert Tiedt im Juni 1951.

Apostel Schall sagte 1950 zu Apostel Kuhlen: „Wenn einer es mit Fritz verdirbt, der fällt in Ungnade“. Und Apostel Weinmann sagte ebenfalls 1950: „Wer es mit Fritz verdirbt, der verdirbt es mit dem Chef.“

Zum 1. Januar 1950 traten dann neue Statuten des Apostelkollegiums in Kraft, die eine kollektive Kirchenleitung vorsahen. Ein halbes Jahr später, am 30. Juli 1950, wurde ein Lieferungsvertrag zwischen J. G. Bischoff und seinem Sohn geschlossen. Dieser beinhaltete die Übertragung aller Rechte auf den Verlag. Außerdem wurde der bestehende Vertrag um 25 Jahre verlängert.

Die Apostel wurden erst im nachhinein über diesen Vertrag informiert und nicht um Zustimmung gefragt. Der Stammapostelhelfer wandte sich explizit gegen die Verlängerung der Verlagsrechte an den Bischoff-Verlag und wollte die Druckaufträge - spätestens bei Übernahme der Leitung - ausschreiben lassen. Friedrich Bischoff und Gottfried Rockenfelder „sahen langsam ihre Felle schwimmen gehen“ und entschlossen sich wohl zum endgültigen Angriff auf Kuhlen. „Im Verlauf des Jahres 1950 erschienen in der neuapostolischen Presse einige Artikel, die als Angriff auf die Position und Legitimation des Helfers Kuhlen verstanden werden können. Initiatoren waren im Wesentlichen Apostel Rockenfelder und Friedrich Bischoff. Die Intention war die Stärkung des Stammapostels, und es spricht etliches dafür, dass das Vorgehen eine Strategie war.“

Kuhlen spricht dann 1950 davon, dass zunehmend „Kräfte gegen mich an der Arbeit waren, denen es ganz und gar nicht gefiel, dass ich einmal sollte die Leitung des Werkes übernehmen. Diese Leute wussten sehr wohl, dass ich vielerlei Dinge, die unter dem Deckmantel des heiligen Ideals unseres Glaubens geschahen, nicht mehr dulden würde, […] .“ Apostel Kuhlen sah sich zunehmend an den Rand gedrängt und geradezu gemobbt.

Es wurde immer offener darauf hingearbeitet, dass Kuhlen als Nachfolger Bischoffs verschwinden müsse. Im November 1950 war es dann soweit, denn im neuapostolischen Kalender für 1951, der den Aposteln in der 2. Novemberhälfte zugestellt wurde, erschien ein Artikel des Chefredakteurs Meyer-Geweke: „Er (der Stammapostel, Anm. d. Verf.) ist der festen Überzeugung, dass der Herr nicht mehr lange verziehen und die Seinen noch zu seinen Lebzeiten heimholen wird ins Vaterhaus, zumal ihm der Herr noch keinen gezeigt hat, der das Gottesvolk auf Erden nach ihm weiterführen solle.“ Dies stand in völligem Widerspruch zur Einsetzung seines Nachfolgers 1948. Nach Meinung etlicher Apostel (Knigge, Weinmann, Dehmel, Schall, Schmidt), die miteinander und mit Kuhlen daraufhin telefonierten, konnte der Chefredakteur diesen Bericht nicht von sich aus verfasst haben.

Sogar dem Stammapostel muss diese Aussage im Kalender eine schlaflose Nacht bereitet haben und sein Sekretär, Ältester Weine, schlug vor, dass der Stammapostel am nächsten Tag einen erklärenden Brief an das Kollegium schreiben solle. Mittags habe der Stammapostel dann jedoch den Ältesten Weine angerufen und gesagt, dass er mit seinem Sohn gesprochen habe und dieser in der nächsten Ausgabe der „Unsere Familie“ eine Klarstellung schreiben würde, was allerdings dann nie geschah. Apostel Kuhlen wartete einige Tage auf die versprochene briefliche Klarstellung. Am Vorabend des 25. Novembers 1950 telefonierte Kuhlen dann noch mit Weine, der ihm nach mehrmaligem Nachfragen sagte, dass Fritz Bischoff im Auftrage des Stammapostels mehrere Apostel zu einer Besprechung nach Frankfurt eingeladen hätte, um die Ordination vom 1. August 1948 als ungöttlich hinzustellen und den Stammapostelhelfer abzuwählen.

Auf die Frage, ob Weine glaube, die bestellten Apostel würden einer Abwahl zustimmen, antwortete der Sekretär: „Leider muss ich das als sicher annehmen.“ Daraufhin bot Apostel Kuhlen an, von seinem Amt zurückzutreten und wieder nur als Bezirksapostels im Rheinland zu arbeiten. Er bat um eine persönliche Aussprache mit dem Stammapostel am nächsten Tag um 10.00h in Frankfurt. Nach einem Telefonat mit dem Schweizer Otto Güttinger und einer Unterredung mit Apostel Dehmel auf der Fahrt nach Frankfurt, änderte Apostel Kuhlen seine Meinung zum freiwilligen Rücktritt allerdings. Beim Gespräch mit Stammapostel Bischoff und der Andeutung doch nicht zurückzutreten, geriet der Stammapostel so außer sich, dass die Apostel Kuhlen und Dehmel sowie Ältester Weine befürchteten, der Stammapostel bekäme einen Schlaganfall „und dann hätte man in die Welt hinaus posaunt, wir hätten den Stammapostel auf dem Gewissen. So blieben wir beide gänzlich stille. Der Stammapostel verlor jede Haltung und verklagte in seinen weiteren Ausführungen auch besonders den Schweizer Apostel E. Güttinger mit seiner demokra-tischen Gesinnung. Er habe aber kürzlich den Schweizer Aposteln bewiesen, dass die damalige Handlung ungöttlich gewesen sei; denn der Herr habe ihm eine Offenbarung gegeben, dass er das Volk Gottes zur Vollendung führen würde. Er habe zu den Schweizer Aposteln gesagt, und das wiederhole er auch uns gegenüber: „Ich werde nicht sterben.““ Der Stammapostel drohte dann mit einer Apostelversammlung zur Abwahl, in der er durch neue Ordinationen die Mehrheitsverhältnisse ändern würde. Nach weiteren Vorwürfen und Versuchen einer Stellungnahme stand für Kuhlen allerdings fest, dass es zukünftig kein ersprießliches Zusammenarbeiten mehr geben konnte und er erneuerte sein Rücktrittsangebot, dass der Stammapostel sofort erleichtert annahm.

Fortsetzung folgt....

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