Glauben – Schauen – Danken

Diese Überschrift macht auf Zusammenhänge aufmerksam. Nichts, egal was, wo und wie, steht für sich allein. Alles hat sein Umfeld, seine Beziehungen, und das Befassen mit einem Teilbereich wirkt generalisierend auf das Ganze und umgekehrt, es handle sich um das Gute oder um das Böse.

Die Dankbarkeit ist ein Teil aus der Gaben- und Tugendfülle des Geistes Gottes. Wo die Dankbarkeit fehlt, da fehlt eben manch anderes auch und will außerdem manches nicht so recht zum Blühen kommen. Dankbarkeit ist darum wichtig, notwendig, erstrebenswert. Dankbarkeit will gepflegt sein. Gelegenheit dazu bieten alle Lebensbereiche. Pflichtbewusste Eltern lehren ihre Kinder schon früh, für Aufmerksamkeiten, Pflege- und Liebesdienste danke schön zu sagen. Natürlich ist ein angelerntes Dankeschön erst so etwas wie eine Vorstufe. Echte Dankbarkeit kommt vom Herzen, ist im Umfeld der Liebe, der Erkenntnis des Wertes dessen, was einem zuteil geworden ist, der Demut, der Reinheit des Herzens und anderem mehr angesiedelt.

Glauben–Schauen–Danken sind in dieser Reihenfolge im Sinne von Ursache und Wirkung folgerichtig aufgelistet. Aber so selbstverständlich ist das auch wieder nicht. Führen wir uns Lk 17,11-19 zu Gemüte. Aus vorgeschriebener Entfernung schreien zehn Aussätzige: »Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!» Anscheinend haben sie vernommen, dass Jesus heilen kann. Jesus fordert sie auf, zu den Priestern zu gehen und sich ihnen zu zeigen. Aber das dürften sie ja wegen der Ansteckungsgefahr gar nicht befolgen.
Eine unverständliche, gar anfechtbare Weisung auf das Schreien der Kranken? Worin sich Jesus bereits gewiss ist, nämlich der Heilung. Das entzieht sich eben den Hilfesuchenden noch. Ihr Vertrauen in die Worte Jesu ist gefordert. Sie bringen es ihm entgegen und begeben sich auf den Weg. Unterwegs geschieht dann das Wunder der Heilung.

Der allmächtige Gott erbarmt sich gerne, könnte man abschließend sagen. Aber die Begebenheit hat eine Fortsetzung: Die Geheilten tun das menschlich Nächstliegende, nämlich sich so schnell wie möglich von den Priestern die Reinheit bestätigen zu lassen. Welch eine überwältigende Freude diese Geheilten erfüllen mag! Sie befolgen die Anweisung Jesu in frommem Gehorsam, wie sie als Juden gelehrt sind. Wieder in ein normales Leben zurückgekehrt, gehen sie ihrer Wege.

Einer der zehn aber handelt anders. Er läuft zu Jesus zurück, preist Gott mit lauter Stimme, wirft sich zu Jesus zu Füßen und dankt. Er ist einer von denen, die bei den Juden wenig gelten – »bloß« ein Samariter. Sein Herz ist aber voll Dankbarkeit, und »wes das Herz voll ist, des geht der Mund über«. Jede Distanz zwischen ihm und Jesus ist überwunden. »Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen«, hört er aus dem Munde seines Wohltäters. Jesus fragt nach den anderen Geheilten: »Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde?« – So ganz selbstverständlich ist die Dankbarkeit also doch nicht.

Wie hätten wir uns verhalten? Das ist der Begebenheit zentraler Punkt für uns. Gehören wir zu den Menschen, die im Wohlstand leben und viel Gutes empfangen, aber Gott davonlaufen, anstatt ihm, dem Geber aller Gaben auch unseres Lebens, die Ehre zu geben? Wollen wir an dem 9:1 unserer Zeit gegen die Dankbarkeit mitbeteiligt sein? Das verriete ungute Querverbindungen!

Denken und danken gehören auch zusammen. Aber leider gehört die Dankbarkeit in der heutigen Gesellschaft nicht mehr zu den bewegenden Themen, wie etwa »Selbstverwirklichung«, »Emanzipation«, » Toleranz«. Wer aber nicht mehr dankbar ist, kann sich auch über nichts mehr richtig freuen. So wie gelernt wurde zu danken, so wird auch gedankt oder eben nicht.

Wie dankbar war man während der Kriegs- und Nachkriegsjahre für ein Stück Brot! Heute wird – wenigstens in unseren Breiten – allgemein kein Hunger mehr gelitten. Und doch gibt es immer weniger. Menschen, die sich dankbar darüber freuen, was sie haben. Man bekundet Freude am Mehr–haben–Wollen: »Je mehr er hat, je mehr er will, nie schweigen seine Klagen still.«

Undank ist eine Seuche, die den Charakter des einzelnen wie ganzer Völker verdirbt. Längst fällt doch auf, je auch die Undankbarkeit nicht für sich alleine steht, sondern im Verbund mit vielfältiger geistlicher Entartung und Verarmung einhergeht. Was Wunder, wenn da schließlich auch das »Glauben und Schauen« unter die Räder kommt.

Die undankbare Fehlhaltung hat nicht nur einen psychologischen, sondern auch einen geistlichen Bezug. Danken hat mit Gott, dem Geber aller Gaben, zu tun. Das lehrt uns die Bibel von Anfang an. Gott braucht unseren Dank nicht. Gott bleibt auch ohne unseren Dank Gott. Die Dankbarkeit ist für uns wichtig. Nicht nur nährt sie sich von anderen geistlichen Qualitäten, sondern diese nähren sich auch von ihr. Mit den Worten Jesu an den geheilten Samariter: »... dein Glaube hat dir geholfen«, ist die Verflechtung mit dem Ganzen angedeutet. Beides, Glauben und Danken, sind Sache des Herzens, nicht des Verstandes.

Mit Undank hindern wir Gott, uns in ihm reicher machen zu können bzw. verhindern das Reicherwerden in Gott selber. Der Undankbare ist ferne von Gott, auch wenn er viel von Gott sprechen sollte. Äußerungen wie: »Ich habe mein Hab und Gut selber sauer verdient«, entlarven den Egoisten und verraten die undankbare Haltung gegenüber Gott. Das »Geben« gehört eben auch mit in den Zusammenhang hinein, und dieses ist für sich wieder vielfältig möglich, materiell und geistlich.

Die Begegnung Jesu mit den Aussätzigen zeigt, wie von der Fehlhaltung des Undanks wegzukommen ist. Zunächst ist die Erkenntnis wichtig, dass der Mensch ohne Gott auf verlorenem Posten steht. Zweifellos ist dieses Erkennen für einen notbeladenen Aussätzigen naheliegender als für einen Gesunden, Erfolgreichen, der meint, alles im Griff zu haben. Warum sollte er auch Gott um Erbarmen anrufen, das er nicht nötig zu haben wähnt? Das würde er – hoffentlich – doch erst tun, wenn ihm seine Verlorenheit in dieser endlichen Welt bewusst würde, wenn ihm bewusst würde, dass sein Leben ohne Gott sinn- und ziellos ist und wenn ihm ob der Tatsache des Befallenseins mit dem Aussatz der Sünde der Schrecken in die Seele führe. – Wer Gott dann aber wirklich anruft, der wird mit der Zusage Jesu: »Gehe hin, dein Glaube hat dir geholfen«, schon in dieser Welt dankbar leben. Diese Worte klingen für alle, »die zerschlagenen und demütigen Geistes sind« (Jes 57,15), aufmunternd und verheißungsvoll durch alle Zeiten hindurch.

Die Dankbarkeit lässt freier atmen und hilft gegen Sorgen und Ängste des Alltags. Es ist sogar der Einübung wert, Gott schon für das zu danken, was wir noch nicht besitzen und was unseren Blick nach oben zu den göttlichen Verheißungen richtet. – Wie immer Gottes Führung für unser Leben aussieht, rückblickend wird immer zu erkennen sein: Gott ist wahrhaftig treu, er hält, was er verspricht und lässt alle Dinge zum Besten dienen denen, die ihn lieben.

H.P. Zimmerli

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