Die Erntegesellschaft

»... du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast«
(Matthäus 25,24b; Lukas 19,21b)

Wir kennen sie alle, die Erdbeerplantagen. Hier kann man selbst pflücken und sich satt essen und für wenig Geld das Geerntete mitnehmen. Aber das Interesse ist stark rückläufig.

Wer mag sich noch auf den Weg machen und bei hohen Temperaturen bücken, um die Früchte von Pflanzen abzuräumen, die andere gepflanzt und gepflegt haben?

Da ist es doch viel bequemer, die bereits nach Qualität sortierten, mit Früchten gefüllten 500g-Plastikschälchen im Vorübergehen mitzunehmen oder passend zum Sekt gleich aufs Zimmer servieren zu lassen. Warum also noch plagen? Überlassen wir die Mühe doch Anderen! So denkt doch eine Vielzahl unserer heutigen Erntegesellschaft.

Dabei wird kein Gedanke an den gesetzmäßigen, von Gott gegebenen Zusammenhang zwischen Aussaat und Ernte (1. Mose 8,22) verschwendet. Die meisten Menschen möchten nur noch ernten und mitnehmen, was zu bekommen ist und sobald sich Früchte zeigen, genießen. Hier spielen dann Ursachen und Zusammenhänge für eine solch fruchtbare Entwicklung keine Rolle mehr. Wie lange es gedauert hat, ein fruchtbares Klima zu schaffen, oder wie oft gegossen oder gehackt werden musste, falsche Triebe abgeschnitten wurden usw. Wie hart die Arbeit auch war, die Früchte sind schnell verzehrt. Reflektiert und beurteilt wird nur noch, ob sie wohl auch so geschmackvoll und nahrhaft waren, wie die im Vorjahr.

Die abgeerntete Palette reicht von den saftigen Naturfrüchten bis hin zu den gehaltvollen charakterlichen Gewächsen. Eine anständige, liebevolle Art wird genauso gepflückt und genossen wie ein hilfsbereites Mitgefühl. Christliche Nächstenliebe wird genauso missbraucht und ausgebeutet, wie ein freistehendes Sonnenblumenfeld. Da gibt es keine Zurückhaltung. Welcher Konsument denkt schon über die lange, oft beschwerliche Entwicklungszeit nach, wenn er sich eines barmherzigen, demutsvollen und geduldigen Christenmenschen bedient?

Wie viel Tränen sind oft geflossen, bis sich die Frucht der Demut oder des Gehorsams entwickelt hat? Auch in gemeindlicher Sicht gilt: Kritische Gemüter sehen nur auf den gelungenen Auftritt des Chores, auf die ansprechende Harmonie eines Orchesters, auf die gelungene Jubiläumsfeier, auf die perfekte Darbietung eines Redners oder auf die ertragreichen Folgen einer richtig getroffenen Entscheidung. Die gesamte Vorlaufzeit des mühevollen Einübens und Auseinandersetzens mit einem Thema oder Musikstück bleibt beim Konsumenten weitgehend unbeachtet.

Vielleicht entdecken wir auch an uns hier und dort eine solche Erntementalität. Wir versuchen dort zu ernten, wo wir gar nichts eingebracht haben. Wir fordern Früchte ein, wo es noch gar keine Entwicklungszeit gab. Wir bevorzugen vielleicht überhaupt nur noch den Umgang mit fruchtbringenden Menschen; die anderen lassen wir beiseite stehen. Etwas aussäen, dem Anderen etwas Gutes mitgeben, ein bisschen Pflege betreiben, ein Stück Wegbegleitung usw. ist meist wirklich sehr mühevoll. Vor allem deshalb, weil wir bei der Aussaat noch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit mit der Frucht tatsächlich rechnen können.

In einem Entwicklungsprozess kann noch so viel schief gehen, was die Fruchtbildung verhindert. Einen Menschen für Christus zu gewinnen, ist kein Tagesgeschäft. Viel Zeit und Geduld für Gespräche, Gebete, Besuche, gemeinsames Bibellesen, Fragen beantworten, abholen, mitnehmen und Predigtbesprechungen sind vonnöten, bis ein christlicher Neuling selbständig die ersten Glaubensschritte gehen kann. Zu umständlich für einen üblichen Fruchtverwerter. Aber das gerade ist der Fehler!

In den angeführten Bibelstellen bezeichnet der faule Knecht seinen Herrn als hart und als einen ungerechten Ausbeuter, weil er scheinbar so handelt wie viele Menschen heutzutage: Dort ernten, wo gar nicht gesät wurde. Diese charakterliche Darstellung des Herrn entschuldigt jedoch nicht das untätige Aufbewahren des anvertrauten Vermögens. Es offenbart lediglich die Gesinnung des Knechts: Für dich Herr will ich eigentlich nichts tun. Früchte zu schaffen, die du dann erntest und die nicht einmal mir gehören sollen, das ist mir wirklich eine zu große Plage. Es genügt doch, wenn du das zurückbekommst, dieses Wenige, das du mir gegeben hast. Dann kannst du dir doch selbst noch daraus Frucht bereiten, wenn du welche haben möchtest!

War denn wirklich die Furcht vor dem Herrn das Motiv für die Trägheit des Knechtes? Dann aber hätte er doch erst recht tätig werden müssen. Nein, die Wiederkunft des Herrn war ihm gleichgültig. Hatte er überhaupt nicht mehr damit gerechnet, Rechenschaft über das ihm anvertraute Vermögen ablegen zu müssen? Vielleicht hatte er gar nicht mehr an die Rückkehr des Herrn geglaubt. Erschien ihm das übergebene Gut zu gering oder glaubte er nicht daran, dass der Umgang mit dem Geringen so entscheidend werden kann? Nur wer sich im Kleinen bewährt hat, dem kann mehr anvertraut werden.

Hatte der Knecht vielleicht gar am Ende vergessen, wie man mit den eigenen Gaben handelt, sie einsetzt und vermehrt? Dann hat er alle christlichen Versammlungsangebote (Gottesdienste, Bibelstunden, etc.) nur so über sich ergehen lassen, ohne richtig dabei zu sein oder gar mitzumachen und seine Fähigkeiten einzubringen.

Es wird ihm vorgeworfen, seine Lebenshaltung nicht konsequent zu Ende gedacht zu haben. Wenn er schon selbst keinen Einsatz bringen mochte, dann hätte er das Anvertraute dorthin bringen sollen, wo es von anderen vermehrt worden wäre. Wachstum ohne eigenes Dazutun! Geht das überhaupt? Im richtigen geistlichen Umfeld durchaus möglich. Hätte er versucht, sich für Gottes Wirken zu öffnen, hätte er sich dem Geist Gottes bewusst ausgesetzt und eigene Veränderung zugelassen, dann hätte sich sein Vermögen vergrößert. Ohne einen mühevollen Kraftakt vollbringen zu müssen, hätte er Gott im Gebet begegnen und ihn um Gabenvermehrung bitten können. Dies wäre das Mindeste gewesen, was man von ihm verlangen konnte.

Aber er wollte kein Wachstum für Gott. Darum wurde sein Dienstverhältnis gekündigt, sein ihm Anvertrautes weggenommen, und es blieb nur noch die Trennung von Gott, die Finsternis.
Vielleicht ist es für viele von uns Früchteverwertern einer Erntegesellschaft nur noch möglich, unsere anvertrauten Gaben zur "Bank", also dorthin zu bringen, wo sie sich nach den Entwicklungsgesetzmäßigkeiten Gottes vermehren können. Wo ist ein solcher Ort? Dort, wo Gottes Geist lebendig ist und wirkt und wir zulassen, dass dieser Geist uns erfüllt, kann es, ohne dass wir es genau wissenschaftlich erklären könnten, zur Fruchtbildung kommen,wenn wir es wollen. Es ist doch auch immer wieder großartig zu sehen, wie Gott dies in der Natur schafft, aller widrigen Umstände zum Trotz.

Warum sollte ihm das mit uns Menschen nicht auch gelingen, selbst wenn wir bisher lieber Früchte genießen, anstatt an ihrer Entwicklung mitzuwirken.

Bernd Scherbauer

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