Vom Saulus zum Paulus

Jesus verändert nicht die äußeren Umstände, er verändert die Menschen.

Saulus wurde im Jahre 10 nach Christus in Tarsus, auf dem Gebiet der heutigen Türkei geboren. Seine Eltern waren vermögende Juden. Sie besaßen das Römische Bürgerrecht, d.h., dass sie gegenüber anderen Landsleuten Privilegien hatten. Das Land war von den Römern besetzt und es herrschte eine Diktatur der Besatzungsmacht. Diktatur war und ist immer mit Willkür, Ausbeutung und Menschenrechtsverletzung verbunden –. Es war eine schlimme Zeit für die Einwohner der besetzten Gebiete.
Menschen mit Römischen Bürgerrecht hatten vor den Römern weniger zu befürchten, als die anderen. Sie hatten z.B. Recht auf eine Gerichtsverhandlung vor einem Römischen Gericht, durften nicht gekreuzigt und ausgepeitscht werden oder wurden bei willkürlichem Aufgreifen sofort frei gelassen, wenn sie sich auf ihr Römisches Bürgerrecht beriefen. Also brachte dieses Privileg eine gewisse Sicherheit vor den Besatzern. Diese Sicherheit genossen Saulus und seine Eltern.
Saulus lernte ebenso wie sein Vater den Beruf des Zeltteppichwebers. Er hatte damit eine gute materielle und finanzielle Lebensgrundlage. Saulus war, auch hier folgte er seinem Vater, treuer Anhänger der glaubenstreuen jüdischen Gruppe der Pharisäer. Hier wurde er jüdischer Theologe im Laienstand und war bestrebt, sich auf theologischem Gebiet stets weiterzubilden. Er besuchte in Jerusalem einen hoch angesehenen jüdischen Lehrer – Gamaliel.

Saulus war ein gläubiger Mensch, ein Verfechter des jüdischen Glaubens. Für ihn war das Gesetz Moses – das Gesetz der Glaubensväter, eben das Alte Testament wichtig. Ein junger Mann, dem die Welt offen stand, gebildet, modern, mit beiden Beinen fest auf der Erde stehend – das war Saulus.

Ca. 10 Jahre, bevor Saulus geboren wurde, kam Jesus auf die Erde. Damit veränderte sich vieles. Ca. 30 Jahre nach Christi Geburt kam es zur Kreuzigung und Auferstehung Jesu. Die Ereignisse überschlugen sich – Himmelfahrt – Pfingsten – Gründung der christlichen Kirche. Saulus war um diese Zeit etwa 20 Jahre alt. Die junge Kirche hatte regen Zulauf. Immer mehr Menschen schlossen sich der Gemeinde an und lebten in der Nachfolge Jesu.

Für die Mehrheit der Juden, auch für Saulus, war diese Entwicklung ein Skandal. Man sah in der aufkommenden christlichen Kirche eine jüdische Sekte, die vom Gesetz abwich. Das, was Jesus und nun seine Apostel predigten, konnte man mit dem „Buchstabenglauben“ an das Gesetz nicht vereinbaren. Dass Jesus der angekündigte Messias ist, war nicht erkannt und akzeptiert worden. Wie Jesus selbst sollte auch die ganze christliche Entwicklung gestoppt und beseitigt werden. Die Juden waren von sich überzeugt. Sie wussten genau, dass sie alles richtig machen und niemand sollte etwas ändern.

Es entwickelte sich unter den Gegnern der neuen Kirche der Drang, die Christen aufzuspüren, sie zu verfolgen, in Gefängnisse zu sperren oder sie gar umzubringen. Diese Maßnahmen wurden mit Gewalt und Härte durchgeführt. Ganze Familien wurden ausgerottet und Existenzen zerstört. Dies war in den Augen der Juden legal. Man wollte die Prinzipien des jüdischen Glaubens, die Traditionen, die über Jahrhunderte hinweg gewachsen waren, mit allen Mitteln verteidigen. Saulus spielte hier eine führende Rolle, wir lesen in der Apostelgeschichte, dass er Wohlgefallen am Tode des Märtyrers Stephanus hatte. Er war dabei, als Stephanus gesteinigt wurde und hielt die Jacken und Mäntel der Vollstrecker des Todesurteils.

Die Christenverfolgung nahm nach dem Tod des Stephanus immer härtere Konturen an. „Saulus verfolgte noch immer mit grenzenlosem Hass alle, die an den Herrn glaubten, und drohte ihnen an, sie hinrichten zu lassen.“
(Apostelgeschichte 9,1)

Er ließ sich nicht ahnend, was bald mit ihm geschehen wird, den Auftrag geben, nach Damaskus zu gehen. Dort wollte er weitere Christenverfolgungen leiten.

Damaskus, die heutige Hauptstadt von Syrien, war zur Zeit des Saulus eine sehr vornehme und reiche Stadt mit einer langen Tradition. Seit Urzeiten führten Handelswege nach Ägypten, ans Mittelmeer und Richtung Asien durch Damaskus. Die Stadt hatte in ihrer 4000-jährigen Geschichte Beziehungen zu vielen bedeutenden Städten und zahllosen Völkern aufgebaut. Hier lebten Menschen vieler Kulturen, und es gab eine Menge an kriegerischen Auseinandersetzungen.

Wir können davon ausgehen, dass in dieser Stadt viel los war. In Damaskus hatten sich inzwischen auch Christen angesiedelt. Sie missionierten mit großem Erfolg und die Mitgliederzahlen wuchsen sehr schnell.
In dieser Stadt wollte Saulus „aufräumen“, massiv gegen die Nachfolger Jesu vorgehen. Und so machte er sich mit seiner Mannschaft auf den Weg in das von Jerusalem 200 km entfernte Damaskus, um seinen Auftrag zu erfüllen.

Und hier geschieht etwas unfassbares. Auf dem Weg nach Damaskus erlebt Saulus eine wunderbare Begegnung mit dem auferstandenen Christus, die sein Leben von Grund auf ändert.
Kurz vor Damaskus umgab Saulus plötzlich ein blendendes Licht vom Himmel. Er stürzte zu Boden und hörte eine Stimme: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ „Wer bist du, Herr?“ fragte Saulus. „Ich bin Jesus, den du verfolgst!“, antwortete die Stimme. „Steh auf, und gehe in die Stadt. Dort wird man dir sagen, was du tun sollst.“ (Apostelgeschichte 9,3-6)
Jesus spricht zu Paulus – der auferstandene Jesus spricht den an, der seine Anhänger, seine Jünger, seine Geschwister – Brüder und Schwestern und damit ihn, Jesus, selbst verjagt, einsperrt, tötet. Wie spricht Jesus mit seinem Verfolger? Nicht, wie es aus menschlicher Sicht zu erwarten gewesen wäre, mit Hass, Rachegedanken oder mit der Absicht, dem Treiben mit Gewalt ein Ende zu machen. Nein, Jesus spricht ihn liebevoll, fragend an: „... warum verfolgst du mich?“ Jesus erreicht damit, dass Saulus ihn erkennt und zur Umkehr gelangt. Jesus verändert nicht die äußeren Umstände, er verändert die Menschen. Bei der Bekehrung des Saulus wird deutlich, dass Jesus seine Diener souverän beruft und selbst Gegner zu seinen Boten macht.

Die Begebenheit vor Damaskus ist nicht nur für Saulus, sondern für uns alle bedeutend. Jesus fragt nicht, warum Saulus seine Brüder und Schwestern verfolgt, sondern er fragt: „Saul, warum verfolgst du mich?“ An dieser Stelle wird klar, dass sich Jesus mit den Menschen, die ihm nachfolgen, identifiziert.

Das Leben des Saulus wurde durch die Begegnung mit Christus völlig verändert. Das Erlebnis mit Jesus bedeutete für ihn eine tiefe Bekehrung und innere Erneuerung. Die Auswirkungen lassen sich kaum beschreiben. Er wurde getauft, nannte sich von nun an Paulus und missionierte als Apostel der Heiden – brachte das Zeugnis von Jesus Christus bis nach Europa.

Albrecht Rohleder

Anmerkung: 2008/09 wird des 2000. Geburtstages des Apostel Paulus gedacht. Die röm.-kath. Kirche hat ein Paulusjahr ausgerufen. Unabhängig vom Jubiläumsjahr ist es immer förderlich, sich mit dem Leben und Werk von Apostel Paulus zu beschäftigen. So kann auch die obige Betrachtung demnächst fortgesetzt werden.
GL

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